Preis der deutschen Schallplattenkritik für "O bittre Zeit -
Lagerlieder 1933-45"
+++ Bereits die vierte Auszeichnung für die Gruppe Grenzgänger +++
Bremen - Wer so ernste, schwere Themen so gekonnt und eindringlich interpretiert gehört zu den großen Ausnahmen im Musikgeschäft (Uwe Golz,
Deutschlandradio )
Einzigartige Sammlung
Den Preis der Deutschen Schallplattenkritik in der Sparte Lieder erhält in
diesem Quartal die 3er CD-Box "O bittere Zeit - Lagerlieder 1933-45",
die das Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ) Emslandlager in
Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rundfunkarchiv und der Akademie der Künste,
Berlin, veröffentlicht hat. Die sorgfältig aufbereitete, einzigartige Sammlung
enthält 81 Aufnahmen, die eindrucksvoll dokumentieren, was die Menschen in
Situationen der Erniedrigung, des Eingesperrt und Ausgeliefertseins, in
Verhältnissen des Terrors und Todes geschrieben und gesungen haben. Alle Lieder
sind in den Gefängnissen, Zuchthäusern und Ghettos ebenso wie in den
Konzentrations-, Strafgefangenen- und Vernichtungslagern des
nationalsozialistischen Regimes gesungen worden.
Seltene Archivaufnahmen und berührende Neueinspielungen
Auf den drei CDs ist u.a. die Gruppe Grenzgänger zu hören, die für Ihren
unkonventionellen Umgang mit dem deutschen Liedgut zuvor bereits dreimal mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet worden ist. Weitere
Künstler, die extra für diese Produktion neue Versionen der alten Lieder
eingespielt haben, sind Bente Kahan, Daniel Kempin, die Künstlergruppe arbeit
(Äugst, Daemgen, Korn), das Ensemble DRAj und der ErnstBuschChor Berlin. Hinzu
kommen die Stimmen der überlebenden Verfolgten mit bislang unveröffentlichten
Archiv- und anderen seltenen Aufnahmen. Darunter befindet sich auch Material des
1954 in der DDR eingerichteten Arbeiterliedarchivs, das unter der Leitung von
Inge Lammel 1961 und 1962 ehemalige kommunistische Häftlinge des
Konzentrationslagers Sachsenhausen und der Emslandlager eingeladen hatte, um
über ihre Erinnerungen an Lieder und Gesänge im KZ zu reden und zu singen.
Vertreten ist auch der 1982 in Krakau verstorbene Lagerliedforscher und
Lagersänger Aleksander Kulisiewicz. Unter seinen alten Tonbändern und Platten
fand sich, in einer veränderten, "Hymn" betitelten Version, auch das
wohl bekannteste aller Lagerlieder "Die Moorsoldaten".
Der Schwerpunkt der Liedauswahl liegt auf Liedern, die in den Lagern
entstanden sind, hinzu kommen Umdichtungen populärer Liedern aus der Zeit vor
der Haft. Beispiele dafür sind Brecht / Eislers "Einheitsfrontlied"
und das Volkslied "Das Wandern ist des Müllers Lust". Alfred
Schrappel schrieb dazu 1933 oder 1934 im KZ Colditz den Text "Der
Posten". Die Interpretation der Grenzgänger ist ein gutes Beispiel dafür,
wie die an dem Projekt beteiligten Künstlerinnen und Künstler an die
Neuproduktionen herangegangen sind.
Musikalische Grenzgänge
Da mischt sich "Das Wandern ist des Müllers Lust" mit
"Marmor, Stein und Eisen bricht", was bei einem Lagerlied ja auch
durchaus passend erscheint. Beeidruckend ist die Aufnahme von Noi van Wesel und
Max Kannewasser, die unter dem Namen Johnny und Jones in den 1930er Jahren zu
den Lieblingen der holländischen Jazzszene gehört hatten. Sie waren zunächst
Insassen des "Judendurchgangslagers" Westerbork in den Niederlanden
und nahmen 1944 bei einem Lageraußeneinsatz in Amsterdam eine Swingnummer auf:
die "Westerbork Serenade". Wenige Wochen danach wurden sie nach
Theresienstadt deportiert und kamen über Auschwitz schließlich nach
Bergen-Belsen, wo sie die Befreiung des Lagers nicht erlebten. Die
Einzigartigkeit dieser Aufnahme besteht für Fietje Ausländer, der das
Lagerliedprojekt gemeinsam mit Susanne Brandt und Guido Fackler konzipiert und
im Verlauf von zwei Jahren realisiert hat., in der "Verbindung von real
alter Produktionstechnik, dem Wissen um ihre Entstehungsumstände und der
Leichtigkeit des Liedvortrags", die eine "seltsam bedrückende
Nähe" erzeugen.
Bereicherung des Schulunterrichts
Die CD-Edition "O bittere Zeit", ist keine leichte Kost. Man kann
Fietje Ausländer aber nur zustimmen, wenn er zu der Feststellung kommt, wie
sehr doch "Lebensbejahung und Lebensfreude, wie Musik sie nun mal entfalten
kann, und Lebenszerstörung" in Liedern zusammenfallen können: Ein
einzigartiges Dokument, daß zur Bereicherung des Schulunterrichts dringend
empfohlen wird.
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