Die deutsche Seele – „Klang des Vaterlands“ oder „Sound of Heimat“?

Unter dem Titel Die deutsche Seele kam im November 2011 ein dickes Buch über deutsche Befindlichkeiten auf die Spiegel-Bestsellerliste und im Herbst darauf der vielgelobte Film „Sound Of Heimat“ in die deutschen Kinos. „Ich möchte verstehen, warum die Leute ein Problem mit Volksmusik haben. Vielleicht auch mit sich ein Problem…“, sagt der Musiker Hayden Chisholm zu Beginn des Films. Dann führt er uns in Kneipen, Kirchen und auf einsame Bergeshöhen, wo in bunter Reihenfolge deutsche Volkslieder gesungen werden. Unter vielen sehr schönen Beiträgen ist auch das Lied „Deitsch on frei“, 1908 von dem erzgebirgischen Musiker und Erfinder der Volkslied-Postkarte, Anton Günther, geschrieben:

„Heil euch, ihr deutschen Brüder! Grüß Gott viel tausend Mal!
Auf, auf, singt deutsche Lieder, dass es rauscht von Berg zu Tal.
Denn es gilt ja unserer Heimat in alter deutscher Treu.
Deitsch on frei wolln mer sei und da bleib’n mer aa dabei…!“

Dieses Selbstbehauptungslied der Deutschböhmen, später Sudetendeutschen, endet in der letzten Strophe mit: „Unsrer alten deutschen Heimat gilt der letzte Tropfen Blut“. Unter Berufung auf dieses Lied gibt die NPD Sachsen seit Anfang 2012 die Kampfschrift Deitsch un frei für das Erzgebirge heraus und begrüßt ihre Leser in der ersten Ausgabe so: „Sagen wir es mit den Worten unseres großen Heimatdichters Anton Günther: ‚Deitsch un frei!‘ Ja, wir stehen zu unserer Heimat, und es ist unsere Aufgabe, unser Erbe zu bewahren und die Zukunft der nächsten Generationen zu sichern.“ Anschließend wird in übelster Weise gegen „Asylanten“ und „Gastarbeiter“ gehetzt.

Im Film Sound Of Heimat wird „Deitsch on frei“ von Rudi Vodel gesungen, einem netten älteren Herrn, der mit Hayden Chisholm beim Pilzesuchen gezeigt wird. Dabei fällt der Satz: „Für mich ist Rudi Vodel German Soul!“

„German Soul“ übersetzt man wohl am ehesten mit „Volksseele“ oder „Nationalseele“ – beides von Herder etwa 1769 zu Beginn der Romantik geschaffene Schlagworte für „Empfindung der Gesamtheit“.

Auf der Suche nach dieser Volksseele veröffentlichten Brentano und von Arnim ab 1805 in drei Bänden „Des Knaben Wunderhorn“. Sie hatten Texte der „germanischen Vergangenheit“ in Volksliedern, Märchen, Mythen und Sagen gesammelt. Alles was unberührt von den in ihren Augen negativen Auswirkungen der modernen Zivilisation war, wurde als gut und für die „Gesundung der Nation“ als hilfreich erachtet. Von den mehr als dreizehnhundert Liedern, die Des Knaben Wunderhorn enthält, sind jedoch nur etwa fünfzig (!) unverändert geblieben. „Alles andere ist mehr oder minder geglättet […] sogar ganz selbständige Dichtungen der Herausgeber wurden untergeschoben…“ (Hübner, Lieder der Heimat, 1926).

In Anlehnung an die von den Romantikern entdeckte Volksseele entstanden dann reihenweise Lieder, die heute als Volkslieder gelten. Manche waren schlicht Umdichtungen älterer Lieder – „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“, „O Tannenbaum“, „Die Blümelein, sie schlafen“ –, andere wurden frech als Volkslieder ausgegeben – „Kein schöner Land in dieser Zeit“ – oder mit neuen, „besseren“ Melodien versehen – „Morgen muss ich fort von hier“.

„Die verfluchte Volksseele!“ polterte Nietzsche 1873: „Wir wollen vorsichtig sein, etwas deutsch zu nennen: zunächst ist es die Sprache, diese aber als Ausdruck des Volkscharakters zu fassen, ist eine reine Phrase und bis jetzt bei keinem Volk möglich gewesen, ohne fatale Unbestimmtheiten und Redensarten“. Herders „Empfindung der Gesamtheit“ schaffte es im Dritten Reich bis in die Rechtssprechung und hieß dort „Gesundes Volksempfinden“.

Von der Volksseele schrieb 1869 auch Richard Wagner, als er in Über das Judentum in der Musik versuchte, die „instinktmäßige Abneigung [gegen das jüdische Element] zu rechtfertigen, von welcher wir doch deutlich erkennen, daß sie stärker und überwiegender ist, als unser bewusster Eifer, uns dieser Abneigung zu entledigen.“ Wagner fabulierte weiter von der Zersetzung durch fremde Elemente: „Ob der Verfall unsrer Kultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müßten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist.“

Im Jahre 1912 verstand der Herausgeber des Zupfgeigenhansl, Hans Breuer, sich als singender Erzieher: „In diesen ernsten Zeitläuften hat das Volkslied für uns einen viel tieferen Sinn; möge es uns stärken und heben im bewußten Empfinden dessen, was deutsch ist, möge es an seinem kleinen Teile mitwirken an dem inneren Streben der Nation, an der Vollendung des Deutschtums.“ Und im Krieg, 1915: „Wir müssen immer deutscher werden. […] Wachst und werdet stark an Eurem Wandervogel! Werdet Männer, festzustehen und Euren Platz auf der Erde zu behaupten! Das ist heilige Pflicht vor Euren Brüdern, die gefallen sind …“

Im Deutschen Reich gaben Burschenschaften und Turnvereine kriegsverherrlichende Liederbücher in hunderttausendfacher Auflage heraus. Der Kaiser und das preußische Schulministerium legten genau fest, was in den Schulen wann zu singen war, nicht nur bei Sedan-Gedenkfeiern oder an Kaisers Geburtstag. Bei so viel Drill und Erziehung wird es nicht verwundern, dass viele Menschen diese Volkslieder nicht singen wollten.

Um 1900 häuften sich die Klagen: „…versucht aber eine fröhliche Gesellschaft ein solches [altes] Lied zu singen so kommt man selten über die erste Strophe hinaus; die übrigen Verse sind dem Gedächtnis entfallen, wenn sie überhaupt jemals ernstlich gelernt wurden“ (in: Wehrkraft durch Erziehung, 1904) oder „Wie gerne würden wir nur jetzt ein vaterländisches Lied nach dem andern singen, wenn wir nur eins richtig könnten! Mit der Melodie geht es noch. Aber der Text – da reicht es höchstens bis zur zweiten Strophe.“ (Leserbrief im Dresdener Anzeiger, 1918)

Dabei sang man durchaus und gerne, es war die Blütezeit der Arbeiterlieder und frecher Gassenhauer wie „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“, „Bei Müllers hat’s gebrannt“ oder Stegreifdichtungen wie „Dunkel war’s, der Mond schien helle“. Immer schon wurden Freiheitslieder von den Obrigkeiten unterdrückt, erotische Lieder von der Kirche verteufelt – Lieder von „deutscher Sitte und Art“ hingegen mit großem Aufwand verbreitet. In den Materialen zum Film „Sound Of Heimat“ wird die Musik in der DDR als „sozialistischer Einheitsbrei“ bezeichnet, dem z. B. das eingangs erwähnte „Deitsch on frei“ und andere Lieder „zum Opfer“ gefallen seien.

Diesem Einheitsbrei verdanken wir aber u. a. Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten von Wolfgang Steinitz, deren erster Band bereits 1954 erschien. Diese wiederentdeckten „demokratischen Volkslieder“ waren das wohl „einflussreichste Werk für das deutsche Folk-Revival der 70er Jahre. Interpreten wie Peter Rohland, Hein & Oss Kröher, Liederjan, Zupfgeigenhansel, Hannes Wader und viele mehr bedienten sich bevorzugt beim Großen Steinitz, wie das Werk kurz genannt wurde, um zu zeigen, dass es neben dem als tendenziell rechtslastig empfundenen ,volkstümlichen‘ Lied auch eine verschüttete Tradition gibt, die sich gegen Krieg, Unterdrückung und Terror richtet“ (Wikipedia über Wolfgang Steinitz).

Dieses Erbe gilt es anzutreten und fortzuführen, dazu gehören die Lieder von Sinti und Roma, jiddische Lieder, Lieder aus Konzentrationslagern wie „Die Moorsoldaten“, Lieder des kommunistischen Widerstands gegen Hitler, der Anti-Atomkraft-Bewegung, der Rotzfrechen Asphaltkultur, Kinderlieder von Straße und Schulhöfen, Lieder von Streiks und aus Gefängnissen. Das deutsche Volksliedarchiv in Freiburg hat alleine mehr als zwanzigtausend Arbeitsmappen mit Liedern in seinen Beständen.

Wir schauen heute voller Bewunderung auf die lebendige Musiktradition anderer Länder wie z. B. Irland. Aber noch in den Vierzigerjahren galt die irische Musik als ausgestorben. Singing Pubs waren so gut wie unbekannt, und noch in den Siebzigern waren Singen und Musizieren in den meisten Pubs sogar untersagt. Wünschenswert wäre ein öffentliches Programm, so wie in anderen Ländern – Musikschulen, an denen man Volksmusik lernen kann, Subventionen nicht nur für Opern, Staatstheater und Kammermusik, Umleitung der GEZ-Gebühren vom „Mutantenstadl“ hin zu neuen Sendungen.

Auch wenn uns die Romantik schon fast in den Genen sitzt, wie Bobo in „Sound Of Heimat“ anmerkt: Es gilt, was der Philosoph Ernst Bloch in seinem Buch „Das Prinzip Hoffnung“ schrieb:

„Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

( Michael Zachcial , zuerst für den Folker , 2011 )

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