Der ostdeutsche Lieder-Sänger Gerhard Gundermann starb vor neun Jahren; und immer mal wieder seitdem hat das Ostberliner Buschfunk-Label Schätze heben können aus dem Nachlass dieses Songpoeten, der diesseits wie jenseits alter und neuer Grenzen nicht seinesgleichen hatte und hat. Das Zeug zum deutschen Bruce Springsteen hat er besessen, seit er sich in der halblegalen DDR-Szene der späten 70er und frühen 80er Jahre durchzusetzen begann. Hier, im Frühjahr 1998, wenige Wochen vor seinem Tod, sitzt Gundermann bei den Aufnahmen zu dieser CD daheim in Hoyerswerda allein mit sich, der Gitarre, der Schauspielerin Petra Kelling sowie dem höchst lebendigen Geist der damals über 70-jährigen Oma Else zusammen: und versichert sich mit ihrer Geschichte auch der eigenen.
Oma Else ist Gundermanns Schwieger-Großmutter, die Oma also seiner Frau Conny. Geboren 1914 in der tiefsten Lausitz, hatte sie im hohen Alter begonnen, ihr Leben aufzuschreiben: ein Leben „von unten“, als Landarbeiterin durch Kaiserreich und jeweils zweimal Republik und Diktatur hindurch; mit vor Anstrengung oft krummem Rücken, aber nie mit gebrochenem Rückgrat; mit frohem, offenem Herzen und klarem, klugem Kopf. Sie hat gar nichts Sensationelles erlebt - und doch ist dies der Stoff, aus dem dieses Land gewoben ist. Petra Kelling liest Episoden aus dieser Geschichte: schlicht, unspektakulär, voller Sympathie; und Gundermann strickt die eigenen Lieder Strophe um Strophe, und dramaturgisch sehr geschickt verzahnt mit dem Text, hinein in dieses Tee- und Kaffee-Kränzchen deutscher Geschichte.
Und siehe (oder höre) da - wie da Oma Else vom Werden der wirklichen Welt zu erzählen hat, so ist der Sänger Gundermann der poetische Interpret dieser Geschichte. Und das heißt: dieses Landes. Wie fremd es auch geworden sein mag im Abstand von so vielen Jahrzehnten, es kommt uns doch ganz nah mit dieser „Hör-Geschichte in Liedern“ - als ein starkes Stück Heimat. Kaum ein Begriff in Deutschland, der so elend, so fatal missbraucht und geschunden worden wäre wie dieser; und dass deutsche Liederleute so verzweifelt kämpfen müssen um jeden Moment der Wahrnehmung, jede Medienminute im eigenen Land, hat ja auch mit dieser Schändung der „Heimat“ zu tun. In der gewesenen DDR jedoch (und noch ein paar Jahre danach) hat einer gelebt und gesungen, der vom Gegenteil erzählt hat - und es hier noch einmal tut: Gundermann eben. Niemals zuvor und auch nicht danach hat es einen Heimatsänger gegeben wie diesen.
Empfohlen von Michael Laages, Berlin für die Liederbestenliste im März 2007
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