Sigi Maron (1944-2016) sang und spielte Gitarre

Nachruf auf Sigi Maron

Sigi Maron (2013)
Sigi Maron (2013, Foto. Wolfgang H. Wögerer, Wien, CC 3.0)

Drüben auf der anderen Seite des Absperrgitters steigen kostbare Roben aus ihren Limousinen und schreiten über den roten Teppich hinauf zu der wohltemperiert beheizten Wiener Staatsoper. Es ist mal wieder Opernball. Es ist mal wieder: Alles Walzer.

Alles Walzer? – Überhaupt nicht. Denn auf der hiesigen Seite des Absperrgitters protestieren die Vertreter von unterschiedlichen gesellschaftlicher Gruppierungen gegen diese alljährliche Macht- und Pracht-Demonstration der Republik Österreich. Als Frostschutz gegen soziale Kälte und gegen die jahreszeitlich bedingten Minusgrade singen die Opernball-Kritiker: „Leckts mi aum Oasch!“

Diese AgitpropHymne stammt aus der Feder des Dialekt-Songwriters Sigi Maron. „Das ist Gymnastik für die Lunge und Gymnastik für die Zunge – leckts mi aum … !“

Zum Volksliedgut mutierte dieses österreichische „We Shall Overcome“ im Herbst 1978. Die Österreicher durften entscheiden, ob in Zwentendorf an der Donau ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte oder nicht. Bei ihren Anti-Atomkraft-Demos sang damals die kritische Masse: „Leckts mi … !“

Dank dieser Gesangseinlagen blieb die Republik Österreich das einzige AKW-freie Flächenland in Mitteleuropa. Denn bei 50,1 Prozent der Stimmzettel war das „Nein“ angekreuzt worden. „Mindestens 10.000 Nein-Stimmen – also diese 0,1 hinter den 50 Prozent – gehen auf mein Konto“, bilanzierte Sigi Maron später gerne.

Trotzdem oder vielleicht sogar genau deswegen erhielten die Eheleute Ingrid und Sigi Maron auch schon mal einen Anruf wie diesen: „Der Herr Bundeskanzler möchte Sie zum Abendessen einladen.“ Als Bruno Kreisky Bundeskanzler (1970-83) war, bekamen österreichische KünstlerInnen regelmäßig derartige Einladungen.

Zusammen mit dem – für sozialkritische Volkstheater-Stücke bekannten – „Alpensaga“-Autoren Peter Turrini aßen Kreisky und Maron nebst ihren Gattinnen zu Abend. „Wir unterhielten uns bei Lammbraten und Grauburgunder über die Bedeutung der Dialekt-Poesie für die kulturelle Entwicklung einer zunehmend verblödeten und seelisch verarmten Gesellschaft.“

Zu Sigis Freunden und Förderern gehörte auch Prof. Gerlinde Haid, Leiterin der Abteilung Volksmusikforschung an der Wiener Musikuniversität. Georg Danzer, Wolfgang Ambros und andere Spottverse-Autoren liebten – zumindest hassliebten – „unseren Sigi“ sowieso.

Mit seinem Liedermacher-Kollegen Fritz Nussböck schrieb Sigi Maron unter einem Pseudonym auch schon mal radiotaugliche Schnulzen. „Eines unserer subversiven Machwerke kam sogar in die nationale Endauswahl für den Eurovision Song Contest. Hey, Conchita Wurst, da warst du noch gar nicht geboren.“

1980 übersetzte Sigi die Texte des englischen Sozialarbeiters und Rock-Sängers Kevin Coyne. Gemeinsam traten sie bei den Wiener Festwochen auf. Anschließend spielte Sigi mit dem Coyne-Gitarristen Bob Ward zwei LPs in London ein.

1985 produzierte Konstantin Wecker die Maron-LP „Unterm Regenbogen“. Die Plattenfirma ließ daraus den Track „Geh no net furt“ auf eine Single pressen. Der Song stand zehn Wochen lang in den Top-Ten der österreichischen Verkaufs-Hitparade.

Warum sind all diese Tonträger außerhalb der Alpenrepublik dermaßen kaltschnäuzig überhört worden? – Sigi Maron, geboren 1944, erkrankt 1956 an Kinderlähmung. Rollstuhl. Ständige Therapien. Keine Job-Perspektive.

Dabei hatte der Gitarrist und Sänger in den Sixties sogar in einer Tanzkapelle gespielt. „Ich wollte reich und berühmt werden wie Peter Alexander – und künstlerisch so anerkannt wie Udo Jürgens.“

Der erste Wunsch ging nicht in Erfüllung. Seine politischen Aktivitäten auf Straßen und Plätzen zwischen Bodensee und Neusiedler See verhinderten eine Showbusiness-Karriere. Die Politiker-Laufbahn blieb ihm ebenfalls erspart, 1998 und 2003 kandidierte Sigi Maron auf der KPÖ-Liste (Kommunistische Partei Österreichs) ohne Erfolg für den Niederösterreichischen Landtag.

Als einer der Juroren des PSC (Protestsongcontest) sorgte er mit dafür, dass die Kunst des edlen Schmähgesangs zumindest in Österreich wieder Beachtung findet. Wegen seiner körperlichen Schwäche konnte Sigi Maron die Umsätze seiner eigenen Platten jedoch nur halbherzig ankurbeln.

Längere Promotion-Tourneen waren für ihn zu anstrengend. „Udo Jürgens erzählte mir aber einmal, dass er meine Platten gehört hatte und meine Songwriter-Qualitäten schätzte. Das ist mehr wert als ein vorderer Platz in den Hitparaden.“

Sigi Maron war 1975 so richtig durchgestartet. Andre Heller erinnert sich: „Es klingelte an der Tür. Draußen stand ein Rollstuhlfahrer. Ich dachte, er wolle mir ein Produkt aus der Behinderten-Werkstatt verkaufen. Stattdessen hatte er eine Music-Cassette mit seinen Songs mitgebracht. Ich hörte mir das Demo an und gab dem Pianisten Peter Wolf – er hatte mit Frank Zappa gearbeitet und lebte damals wieder in Wien – den Auftrag, eine LP mit Sigi zu produzieren.“

Perfekte Startbedingungen. Aber kein Label veröffentlicht das Album. Ein Rechtsanwalt fordert einen sogenannten „Stapoakt“ an und erfährt: Sigi Maron wird von der Österreichischen Staatspolizei bespitzelt.

Nur Stephan Friedberg, der damalige Geschäftsführer von BMG Ariola Austria, bewies kaufmännischen Spürsinn wie auch Zivilcourage. Seine Plattenfirma veröffentlichte das Maron-Debütalbum mit einem LP-Titel, der so herzallerliebst klingt wie eine Operetten-Arie: „Schön is‘ das Leb’n“.

Die Operetten- und Musical-Diva Dagmar Koller wurde trotzdem kein Sigi-Fan. Doch ihr Ehemann Helmut Zilk erkannte: „Sigi Maron spielt eine bedeutende Rolle im Wiener Kulturleben.“

Als Bürgermeister von Wien förderte Helmut Zilk die Kulturschaffenden. 1986 bat ihn der 007-Filmproduzent um eine Erlaubnis für Außenaufnahmen in der Donau-Metropole. Helmut Zilk ließ ihm ausrichten, der James Bohn dürfe „auch die U-Bahn in die Luft sprengen. Aber Sie müssen anschließend wieder alles sauber herrichten.“

„Dynamit und Edelschrott“ ist kein Action-Film. Sondern es war eine CD, mit der Sigi Maron sich 2014 an seinem 70. Geburtstag selbst überraschte. Der Maron zeigte auf diesem Album keine Ermüdungserscheinungen. Stattdessen überzeugte der Sänger und Gitarrist musikalisch auch jene Pop-Fans, die seine gotteslästerlichen Song-Texte nicht akzeptieren. Und Sigi verwebt Rap-Gesang und Reggae-Grooves und andere Pop-Elementarteilchen zu Kunstliedern.

„Mit dieser CD will ich mich von meinen Fans verabschieden. Ich danke euch für eure Liebe und Anerkennung und Treue und …“ – Das könnten auch Peter Alexander und Xavier Naidoo zu ihren Freunden und Verehrern gesagt haben. Und was wünscht Sigi Maron seinen Feinden?

„Ich habe keine Feinde. Falls irgendein Trottel glaubt, meine Person oder meine Kunst missverstehen zu müssen, schleudere ich ihm aus reinstem Herzen entgegen: Leckts mi aum …!“

Siegfried – genannt: Sigi – Maron vergriff sich also bis kurz vor seinem Tod (18. Juli 2016) immer noch im Ton. Er wurde genau damit zu einem blitzsauberen Vorbild für jeden anderen deutschsprachigen Singer-Songwriter.

Winfried Dulisch

Der Wiener Liedermacher Sigi Maron starb am 18. Juli 2016.

Winfried Dulisch
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Winfried Dulisch, Bremen, freier Journalist, schreibt & fotografiert.