Helmut Debus: Liekut und annersrum

Helmut Debus
Helmut Debus CD

Bereits im September 2015 erschien Helmut Debus‘ 19. Album „Liekut und annersrum“. Es ist nach „Dreiehn und Weihen“ (2012) die zweite Produktion mit Michael Jungblut (E-Gitarre), Iko Andrae (Kontrabass) und Andreas Bahlmann (Drums). Und das bewährt sich auch dieses Mal, wenn die drei Musiker Debus‘ kraftvollen Gesang mit einem gradlinigen, von unnötigen Schnörkeln befreitem Repertoire von Folk über Rock bis zum Blues abwechslungsreich begleiten. Da werden mit hörbarer Spielfreude die alten, blauen Wildlederschuhe von 1991 gerockt, da klingt bei „Dusend Traanen deep“ die Begleitung sanft und geradezu tröstlich und immer gelingt es, die ausdruckstarken Texte musikalisch zu pointieren.

Diese Texte leben von der Bildhaftigkeit des Plattdeutschen, die Helmut Debus wie kaum ein anderer sprachgenau und poetisch auszumalen weiß. So erzählt er gleich im Eröffnungssong mit wunderbaren Sprachbildern von der Sehnsucht eines Jungen nach einem Ort, der ihm mehr Freiheit und Glück verspricht. Mit „In Amerika“ erinnert er in diesem Jahr, in dem hunderttausende Menschen Zuflucht bei uns suchen, nicht nur an die Universalität dieser Sehnsucht, sondern auch daran, dass es Zeiten gab, in denen hunderttausende Deutsche in norddeutschen Häfen auf gepackten Koffern saßen und diesen Traum nicht bloß träumten, sondern sich auf den Weg machten.

Träumen kann Helmut Debus also auch mit 66 noch, aber Illusionen gibt er sich nicht hin. Weil jedes El Dorado eben auch „na Lögen, na Dickdoheree, na Dollars un Verraad“ stinkt, lässt er dort Clowns mit Bloomen winken und die Band parodiert geradezu die fröhliche Urständ belangloser Scheinwelten. Den Spagat zwischen Traum und Desillusionierung löst Debus auf den Punkt mit „Waak up und drööm“. Vernarbt, aber zuversichtlich heißt es dort: „wi sackt in Afgrunnen blots um us aftostöten in’t Nichmehr, in’t Nochnich, in’t neeje Land“.

Dass das im Leben nicht immer geradeaus, also liekut geht, sondern durchaus auch mal annersrum, das besingt Debus in seinem wunderbaren Titelsong, zweifellos einer der Höhepunkte dieser CD. Wer aussagekräftige Texte, ausdruckstarken Gesang und geradlinigen, dabei durchaus abwechslungsreichen Folkrock mag, wen die besondere Poesie und Wärme des Plattdeutschen neugierig macht und wer ein ordentliches CD-Ambiente mit Texten im Booklet schätzt, der hat hier Aussicht auf eine wunderbare Dreiviertelstunde. Am Weserstrom bei Brake sitzt ein Junge und träumt seinen Traum. Mit „Liekut un anners rum“ klingt er noch lange nach.

Ein älterer Titel: Wi seilt mit de Morgenfloot

https://www.youtube.com/watch?v=Ez0qOIUPpWg

Kai Runge
Über Kai Runge 3 Artikel
Kai Runge, geboren und aufgewachsen in Bremen, ist im Brotberuf Didaktischer Leiter einer niedersächsischen Oberschule. Nachdem er 20 Jahre als Seminarleiter Lehrkräfte ausgebildet hat, erteilt er nun selbst wieder u. a. praxisorientierten Musikunterricht. Als Autodidakt auf vielerlei folkloristischen Instrumenten ist er seit Jahrzehnten federführend an verschiedenen Bandprojekten beteiligt. Er brachte u.a. Programme mit eigenen Tucholsky-Vertonungen, deutschen Liebes- und Lästerliedern, anglo-amerikanischem Folk, amerikanischem Folk-Rock und mit Liedern des schwedischen Nationaldichters Carl Michael Bellman auf diverse Bühnen. Das beständigste Projekt mit seiner Band Kullersteen ist irischen Balladen, Auswanderer- und Trinkliedern gewidmet. Darüber hinaus engagiert er sich seit Jahren in der Förderung der Kleinkunst in seiner Region.

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