Grasshoff

Geboren wurde Fritz Grasshoff am 9. Dezember 1913 in Quedlinburg, er starb am 9. Februar 1997 in seiner Wahlheimat Kanada. Im eigentlichen Sinne ist er ja eher kein Liedermacher gewesen, aber ein Künstler, der wunderschöne Lieder getextet hat, auch richtig berühmte, so z.B. „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“. Schlager wie diesen schrieb er aber „nur“, um Zeit und Raum für die Dinge zu haben, die ihm wirklich am Herzen lagen, aber kein Geld einbrachten.

Von Peter Hunziker

Fritz Grasshoff wurde 1913 in Quedlinburg (Harz) als Sohn eines Bauern und Kohlenhändlers, der zuvor Seemann gewesen war, geboren und wuchs auf zwischen Koksbergen, Bumskneipen, Schlägern und „entsprechendem Damenflor“, und lernt „Jenisch“, Jiddisch und auch sonst einiges von den Bettelmusikanten, Zug – und Galgenvögeln. Daneben lernte er auch Griechisch und Latein am humanistischen Gymnasium und machte 1933 sein Abitur. Anschliessend war Grasshoff kurze Zeit Kirchenmalerlehrling, dann Journalist und Pressezeichner. Bereits 1938 zum Militärdienst beordert, erlebte er den Krieg als Soldat in Frankreich und Russland. Dieses düstere Kapitel hat ihn zeitlebens beschäftigt, gesundheitlich und seelisch. Und er erzählte mir:

Ich selber war die Jahre vor dem Krieg wie gelähmt, spürte ihn herannahen. Ich muss diese Scheisse überleben! Und ich sollte den Kopf herhalten, um die Idee des x, die Fabrik des y, den Grossgrundbesitz des z zu verteidigen, nur weil wir die gleiche Sprache sprechen würden. Dabei sprachen wir in Wirklichkeit gar nicht die gleiche Sprache!

Nie vergesse ich, wie er mir Bilder und Skizzen (Landschaften und Gestalten) aus jener Zeit zeigte, die unter erschwerten Umständen in Kampfpausen entstanden sind , z.B. mit Kohle auf Packpapier, das er dann zusammengefaltet über Tausende von Kilometern nach Hause trug, oder gegen etwas Brot eintauschte. In seinem halb autobiographischen Roman „der blaue Heinrich“ versucht er diese Eindrücke zu verarbeiten. „Ein Brunnen mit zwei Wasserspeiern“ nannte Clarissa dort seineDoppelbegabung und er hatte bald als Maler und Schriftsteller Erfolg, am meisten mit der 1947 erschienenen und selbst illustrierten „Halunkenpostille“ (Auflage total über 300’000).

NZZ: „In dieser Gruppe von Gedichteschreibern (Kästner, Mehring, Tucholsky), für die jeder Vers ein Schuss ins Schwarze, der Reim die Faust aufs Auge ist, hat Fritz Grasshoff seinen besonderen, unbestrittenen Platz… Verse, schlagend wie Backpfeifen.“

Nach der Gefangenschaft liess er sich als Maler in Celle (Niedersachsen) nahe dem Zuchthaus nieder. Um mit seiner Frau Roswitha und seinem Sohn Roger überleben zu können, verfasste er mit Erfolg bekannte Schlagertexte wie „Nimm mich mit Kapitän, auf die Reise“ für Hans Albers, Freddy u.a. und Texte für Musicals, Schallplatten und sonstigen Marktgebrauch.

„Davon lebe ich, damit ich schreiben und malen kann, was mir Spass macht!“ „Wohlan, ich bin kein Zuckerbäcker, sondern ein Brotbäcker in Hemdsärmeln, der mit Humor, Satire und Gesellschaftskritik würzt.“

(klassische Halunkenpostille, Seeräuber-Report, unverblümtes Lieder- und Lästerbuch, Bilderreiches Haupt- und (G)liederbuch, das Gemeindebrett, usw. )

Als Maler Debüt in der „Kestner Gesellschaft“ Hannover, danach zahlreiche Ausstellungen in Köln, Duisburg, Hamburg. 1956 Umzug nach Schweden. Studien über Carl Michael Bellmann, den er singbar und ins Deutsche übersetzt. Er bereiste Griechenland und die Türkei, zog 1967 nach Zwingenberg /Bergstrasse. 1983, im Alter von 70 Jahren, erfüllte er sich einen Jugendtraum und siedelte nach Canada um. Dort, am Ufer des Hudson-River, entstanden über tausend Zeichnungen und Guachen, neben zahlreichen grossen Gemälden. (Ausstellungen in Quebec, Montreal und Pointe-Claire)

„Die Kunst ist eine Insel, der, des Robinson vergleichbar, fernab von allen Routen und nur durch Schiffbruch erreichbar.“ (F.G.)

Beide Künste ergänzen sich: So wie der Maler Grasshoff viele Techniken beherrscht, feine, zärtliche Gebilde skizziert, skurrile Fratzen ritzt und formt und mit dem Spachtel grobe Flächen hinpflastert, so ist auch seine Sprache mal zärtlich fein, listig- schmunzelnd, bissig-erdig . Und mit seinen sprachlichen Pinselstrichen entstehen Personen voll Leben . Dies kommt besonders bei seinem allerletzten literarischen Werk zur Geltung: „Martial für Zeitgenossen“ (Verlag Eremiten-Presse, Düsseldorf 1998 )

Die Nachdichtung und Übersetzung in eine moderne Sprache des römischen Satirikers Martial, der vor 2000 Jahren die Überflussgesellschaft aufs Korn nahm. Absolut genial ! Es ist unglaublich aktuell dieses Buch und die Antike wird auf ungeahnte Weise lebendig. Der gemeinsame, unverwüstliche und hintergründige Humor von Martial & Grasshoff mit Stacheln gegen alles Falsche und Unaufrichtige ist etwas vom Besten, was man lesen kann!

Am 9.Febr. 1997 starb Fritz Grasshoff; ein letztes Gedicht schrieb er für die eigene Todesanzeige.

Endgedicht

von Fritz Grasshoff

Eben war es doch noch hell
Tanzten wir nicht eben noch
uns erkennend unterm Fliegenfänger
uns Geselchte?

Lasen wir nicht eben noch
uns die Zeit von Bart und Wimper?
Stritten wir nicht eben noch
uns um Mohn und Rübsen
das Loch im Fass
den Sprung im Krug
die Borste im Brot?

Wo ist das Gespräch des Flusses
mit den lauschenden Muscheln?
Eben war doch noch Gesang und Atem
im geduldigen Gras
und das Läuten über uns
der Aeroplane

Eben wollten wir uns noch
neue Kleider machen neue Hüte
Recht behalten hat
die Posaune in den U-Bahnschächten
und es erfüllen sich
die Gebete der Viren

Der Schweizer Bänkelsänger Peter Hunziker (http://www.baenklsaenger.ch), der mit Fritz Grashoff befreundet war, hat uns freundlichweise das Portrait zu Fritz Grasshoff  überlassen.